Renate Gottschewski
 

Liebe Schwestern und Brüder!

Hans Hain erschien am 10. April 1938 nicht auf seiner Arbeitsstelle in der nordhessischen Buderus-Hütte. Am Abend stand die SS vor der Haustür des 22-Jährigen. Seine Eltern öffneten verängstigt: „Wenn euer Sohn auftaucht, soll er sofort zum Gauleiter kommen.“ Hans erschien die ganze Nacht nicht. Er hatte sich auf einen Baum in der Nähe verkrochen. Was war geschehen? Es war der Tag der Reichstagswahlen. Alle mussten wählen – und zwar eine einzige Partei. Diese bekam 99% der Stimmen.

Durchgefroren kehrte Hans im Morgengrauen heim. Die Eltern und Geschwister schimpften mit ihm: „Wie kannst du uns sowas antun? Die SS!!!!!!!“ Er blieb ruhig: „Ich gehe nicht wählen. Punkt. Ich bin Christ.“ Der Vater – ein Onkel meines Vaters - beruhigte sich: „So, mein Lieber, dann musst du nach Amerika auswandern.“ „Gut.“ Beide gingen zum Gauleiter und verlangten die Ausreisepapiere. Der Gauleiter sagte: „Na, dann Schwamm drüber – bleib mal bei uns in Deutschland.“ Mehr passierte nicht – vorerst.

 

So wie Hans ist es auch Jeremia ergangen: „Du hast mich betört, o HERR, und ich ließ mich betören ….“ (Jer 20,7). Allerdings muss er „Gewalt und Unterdrückung“ rufen. „Denn das Wort des HERRN bringt mir den ganzen Tag nur Hohn und Spott. Sagte ich aber: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen sprechen!, so brannte in meinem Herzen ein Feuer, eingeschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es auszuhalten, vermochte es aber nicht. Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen.“ (Jer 20, 7 – 13 in Auszügen)

Das Foto von Hans stand im Schrank meiner Großeltern. Er sah aus wie mein Vater. Und er hatte sogar mit mir am selben Tag Geburtstag! Klar, dass ich alles über ihn wissen wollte.

Gleich im September 1939 wurde Hans eingezogen. Die Familienlegende erzählt, dass er später in Russland auf einem sehr nebligen Schlachtfeld – bewusst oder aus Versehen - von den eigenen Kameraden oder Vorgesetzten er-schlagen wurde. Was wirklich geschah wird immer verborgen bleiben.

Jeremia ist übrigens aus seiner Heimat verbannt worden. Seinen Lebensabend konnte er jedoch nach der Zerstörung Jerusalems dort ruhig verbringen – so die biblische Erzählung. Gemalt hat den Propheten Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle wie auf dem nebenstehenden Foto zu sehen.

Heute leben wir Gott sei Dank in einer freiheitlichen Demokratie, die die Würde aller Menschen und u.a. Religionsfreiheit garantiert. Wissen wir das ausreichend zu würdigen? Denn der Preis war sehr hoch!

 

 

Liebe Grüße von Renate Gottschewski.